Prosit 2019

Dr. Gerald Quitterer, Präsident der BLÄK

„Ich werde auf meine eigene Gesundheit, mein Wohlergehen und meine Fähigkeiten achten.“ Wir machen die Passage aus dem Genfer Gelöbnis zum Thema und halten eine Innenschau. Auf dem kommenden Deutschen Ärztetag im Mai in Münster werden wir uns voraussichtlich mit dem Titel „Arztgesundheit – wenn der Beruf krank macht“ beschäftigen. Wir kümmern uns um uns selbst. Um den „Mensch Arzt“. Der Erhalt unserer eigenen Gesundheit soll einen anderen Stellenwert bekommen.

Arztgesundheit

In einer Zeit der geforderten Rundumverfügbarkeit ärztlicher Leistungen ist dies dringend geboten. Was können und was müssen Ärztinnen und Ärzte leisten? Die Frage darf gestellt werden vor dem Hintergrund von einer Milliarde Arzt-Patienten-Kontakten pro Jahr in Deutschland, im Durchschnitt 17 pro Patient. Es ist richtig, dass jeder Kranke zu jeder Zeit und an jedem Ort die erforderliche medizinische Behandlung auf dem neuesten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse erhält. Die Notaufnahme eines Krankenhauses mit Bagatellerkrankungen zu überlaufen, gehört jedenfalls nicht dazu. Die Forderungen nach einer Terminvergabe rund um die Uhr und nach immer mehr Sprechstunden bedienen eine falsche Erwartungshaltung bei den Patienten und bringen uns Ärzte in ein Dilemma. In die Position derer, die einerseits die Patienten nicht wegschicken dürfen, andererseits am Bedarf vorbei behandeln und damit wiederum die Patientenerwartung auf eine 24-Stunden-Versorgung von Befindlichkeiten nähren.

Bedarf und Bedürfnisse

Natürlich müssen die Versorgungsstrukturen so organisiert sein, dass der Zugang zu den erforderlichen medizinischen Leistungen möglich und gesichert ist. Dennoch muss die Gesellschaft wieder lernen, Bedarf von Bedürfnissen zu unterscheiden und ihre Bedürfnisbefriedigung aufzuschieben. Dies insbesondere im Zeitalter der Digitalisierung und des Internets, das verspricht, dass alles jederzeit zur Verfügung steht. Man muss die Pferde wieder einfangen.

Kommerzialisierung und Ökonomisierung

Arztgesundheit bedeutet nämlich sowohl die Einhaltung der Arbeitszeitgesetze in den Krankenhäusern als auch die Entlastung im ärztlichen Bereitschaftsdienst, wie dies in Bayern durch dessen Neuorganisation ermöglicht wurde. Eine gesunde „Work-Life-Balance“ gelingt dort nicht, wo der Beruf krank macht: Durch Arbeitszeitverdichtung infolge zunehmender Kommerzialisierung und Ökonomisierung. Diese hält dort Einzug, wo sich Konzerne im Gesundheitswesen breit machen und Leistungszahlen fordern. Ich konstatiere, dass jemand, der nie an einem Operationstisch stand, nicht nachvollziehen kann, dass ein Operationssaal kein Fließband, sondern ein Hochrisikobereich ist.

Hier ist die Politik in die Pflicht zu nehmen, den Menschen zu erklären, was das Sozialgesetzbuch V mit dem § 12 vorgibt, in dem es heißt: „Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. Leistungen, die nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, können Versicherte nicht beanspruchen, dürfen die Leistungserbringer nicht bewirken und die Krankenkassen nicht bewilligen.“

Stattdessen kommen in immer kürzeren Abständen Gesetze, die ärztliches Tun reglementieren sowie Aussagen, die mit Wertschätzung unseres Berufsstandes nichts zu tun haben, denn natürlich betreiben wir Ärzte in unserer Freizeit auch Sport – und das ist zu begrüßen.

Finanzmittel und Überschüsse

Hier sind die Krankenkassen in die Pflicht zu nehmen, die mit dem Versprechen hausieren gehen, alles medizinisch Mögliche stehe dem Patienten zu, dabei aber die notwendigen Finanzmittel offenbar einbehalten. Wie sonst ließe sich deren milliardenschwerer Überschuss im vergangenen Jahr erklären? Unser Krankenversicherungssystem beruht nicht nur auf dem Prinzip der Solidarität, sondern auch der Subsidiarität. Dabei immer nur auf Wirtschaftlichkeitsreserven in der ärztlichen Behandlung zu pochen, kann krank machen. Ich erwarte in diesem Zusammenhang von den Krankenkassen, auf weitere Nachqualifizierungen für Ärztinnen und Ärzte nach bestandener Facharztprüfung vor der Bayerischen Landesärztekammer zu verzichten, nur damit sie im KV-System abrechnen können.

Es bedarf einer neuen Berufsethik, die den Arzt mehr in den Mittelpunkt rückt. Die ihm auch psychosoziale Unterstützung zuteil werden lässt bei und nach belastenden Situationen, die ein sanktionsfreies Fehlermanagement ermöglicht und die der Profession und den Menschen Respekt zollt.

Es möge nützen – auf eine gutes, gesundes und erfolgreiches Neues Jahr!

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Dr. Gerald Quitterer, Präsident der BLÄK

 

 

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