Vorsorge für Extremhitze
Hitzeschutz
Bündnis Hitzeschutz Bayern präsentiert Projekte zum bundesweiten Hitzeaktionstag
Unter dem Motto „Gemeinsam vorsorgen für Extremhitze – wir übernehmen Verantwortung!“ lud das Bündnis Hitzeschutz Bayern Anfang Juni Expertinnen und Experten in die Bayerische Landesärztekammer (BLÄK) ein. Anlass war der bundesweite Hitzeaktionstag, der auf die Gesundheitsgefahren von Hitzewellen aufmerksam macht. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Frage, wie das Bewusstsein für die Risiken von Extremhitze geschärft und eine nachhaltige Hitzeprävention sowohl im Gesundheitswesen als auch in den Kommunen verankert werden kann. Nach Grußworten von Dr. Gerald Quitterer, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK), Bayerns Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention, Judith Gerlach (CSU), sowie Bayerns Staatsministerin für Unterricht und Kultus, Anna Stolz (CSU), und mehreren Fachvorträgen stellten die Bündnispartner eine Vielzahl an Projekten vor, die den Hitzeschutz im Freistaat stärken sollen.

Abb. 1: Dr. Martin Herrmann, 1. Vorsitzender der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V., moderierte die Veranstaltung und warnte eindringlich vor den gesundheitlichen Gefahren eines Hitzedoms in Deutschland.
In seiner einleitenden Rede betonte BLÄK-Präsident Quitterer die wachsende Bedeutung von Hitzeresilienz angesichts der fortschreitenden Klimaveränderung. Eine aktuelle Studie der DAK Gesundheit zeige, dass rund zehn Millionen Beschäftigte in Deutschland während Hitzewellen erheblich belastet seien. Besonders gefährdet seien Kinder: Bei Temperaturen über 30 Grad steige ihr Risiko für behandlungsbedürftige Hitzeschäden um das Achtfache. Quitterer forderte daher einen konsequenten Ausbau des Hitzeschutzes an Schulen. Sportveranstaltungen im Freien – etwa die Bundesjugendspiele – sollten bei amtlichen Hitzewarnungen künftig nicht mehr stattfinden. Außerdem forderte Bayerns Ärztekammerpräsident eine deutliche Reduktion der Treibhausgasemissionen, um klimatische Kipppunkte nicht zu überschreiten.
Klimadaten alarmieren – beschleunigte Erwärmung und steigende Risiken.
Moderator Dr. Martin Herrmann, 1. Vorsitzender der Deutschen Allianz Klimawandel, Umwelt und Gesundheit, verdeutlichte anhand eines Videos des Diplom Meteorologen und ARD Wettermoderators Karsten Schwanke die Dynamik der globalen Erwärmung. Im Video zeigte Schwanke, dass der Temperaturanstieg nicht linear, sondern „beschleunigt, nahezu exponentiell“ verlaufe. 2010 sei erstmals ein globaler Temperaturanstieg von rund 1° C gegenüber vorindustrieller Zeit erreicht worden, 2024 habe die Abweichung bereits bei etwa 1,5° C gelegen. Das Überschreiten der Zwei Grad Marke sei um das Jahr 2031 wahrscheinlich. Für Deutschland prognostizierte Schwanke häufiger auftretende und länger andauernde Hitzewellen und steigende Rekordtemperaturen mit Spitzenwerten von bis zu 45° C.

Abb. 2: Bayerns Staatsministerin für Unterricht und Kultus, Anna Stolz (CSU), hob in ihrem Grußwort exemplarische Hitzeschutzmaßnahmen bayerischer Schulen hervor – darunter die Kühlung von Klassenzimmern und zusätzliche Trinkpausen bei hohen Temperaturen.
Der 1. Vorsitzende des Bundesverbands Klimaschutz, Dipl.-Ing. (FH) Daniel Willeke, ergänzte Schwankes Ausführungen um aktuelle Klimasimulationen des Bayerischen Landesamts für Umwelt. Die Jahresmitteltemperatur in Bayern habe historisch bei 7,9° C gelegen; ohne umfassende Klimaschutzmaßnahmen sei bis zum Jahr 2100 mit einem Temperaturanstieg um bis zu 4,8° C zu rechnen. Die durchschnittliche Sommertemperatur könnte von derzeit 16,3° C auf 21,9° C steigen, die Zahl der Hitzetage über 30° C
von aktuell vier auf bis zu 40 pro Jahr. Diese Entwicklungen hätten gravierende gesundheitliche Folgen – insbesondere für vulnerable Bevölkerungsgruppen.
Hohe Hitzebelastung bei Pflegekräften
Willeke hob besonders die starke Hitzebelastung von Pflegekräften hervor. Eine Studie unter Beteiligung des LMU Klinikums zeige, wie massiv die Auswirkungen seien: Bei Extremhitze litten 96,5 Prozent der Pflegekräfte unter Erschöpfung, 90,3 Prozent unter Müdigkeit, 71,2 Prozent unter Kopfschmerzen, 69,3 Prozent unter Kurzatmigkeit, 57,8 Prozent unter Hautproblemen und 18,5 Prozent unter Magen-Darm-Beschwerden.
Um Pflegekräfte besser zu schützen, habe die Arbeitsgruppe Globale Umweltgesundheit und Klimawandel des LMU-Klinikums das Projekt „cool pflegen“ gestartet. Es unterstütze Beschäftigte in der Alten und Krankenpflege gezielt dabei, eigene Hitzeschutzmaßnahmen systematisch zu planen und umzusetzen. Das Projekt biete ein bedarfsgerechtes Webangebot mit Modulen zur Entwicklung, Organisation und Umsetzung von Hitzeschutzstrategien, ergänzt durch Maßnahmensteckbriefe sowie eine Wissens und Fördermitteldatenbank. Darüber hinaus stünden Beratungs und Vernetzungsangebote zur Verfügung. Zu den empfohlenen praktischen Maßnahmen zählten kühlende Kleidung für Mitarbeitende, eine gezielte Förderung der Trinkmotivation sowie Fassaden und Dachbegrünungen von Pflegeeinrichtungen zur Reduktion direkter Sonneneinstrahlung. Weitere Informationen sind online abrufbar unter: https://cool-pflegen.de

Abb. 4: Hans-Peter Mayer, Geschäftsführendes Präsidialmitglied des Bayerischen Gemeindetags, erläuterte die Hitzeschutzstrategien der bayerischen Kommunen.
Kommunale Herausforderungen: Anpassung trotz knapper Ressourcen
Hans Peter Mayer, Geschäftsführendes Präsidialmitglied des Bayerischen Gemeindetags, machte in seinem Vortrag deutlich, dass der Klimawandel die Kommunen in besonderer Weise treffe – nicht zuletzt, weil viele öffentliche Gebäude, wie Schulen oder Pflegeheime, aus Zeiten stammten, in denen weder 40 Grad Tage noch tropische Nächte eine Rolle spielten. Die überwiegend kleinen Gemeinden Bayerns – 75 Prozent hätten weniger als 5.000 Einwohnerinnen und Einwohner – müssten notwendige Klimaanpassungen im Bestand bewältigen, während sie zugleich mit einer Vielzahl weiterer Aufgaben rängen: Der Organisation von Kinderbetreuung, der Sicherstellung guter Rahmenbedingungen für Familien, der Versorgung einer älter werdenden Bevölkerung und dem Umgang mit demografisch bedingten Personalengpässen. In vielen Gemeinden umfasse die Kernverwaltung lediglich rund zehn Mitarbeitende – ein Personalumfang, der zusätzliche Klimaanpassungsaufgaben nur schrittweise zulasse. Neben Hitze hätten die Kommunen je nach Region zudem mit Trockenheit, Wassermangel, Starkregen und Überflutungen zu kämpfen – Herausforderungen, die eigentlich milliardenschwere Investitionen erforderten. Mayer verwies in diesem Zusammenhang auf die bereits jetzt äußerst angespannte Haushaltslage: „Die bayerischen Kommunen geben jährlich rund 4,7 Milliarden Euro mehr aus, als ihnen zur Verfügung steht.“ Er plädierte daher für pragmatische Lösungen: Statt in formale Hitzeschutzkonzepte sollten kleine Gemeinden ihre begrenzten Ressourcen direkt in konkrete Maßnahmen investieren und von praxiserprobten Beispielen aus der Fläche profitieren. Besonders wichtig sei es, kühlende Schutzräume für besonders gefährdete Bürgerinnen und Bürger zu schaffen – etwa für pflegebedürftige Personen – und die Bevölkerung stärker für Eigenverantwortung im Umgang mit Hitze zu sensibilisieren.

Abb. 5: Dipl.-Ing. (FH) Daniel Willeke, 1. Vorsitzender des Bundesverbands Klimaschutz und Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Globale Umweltgesundheit und Klimawandel am LMU Klinikum, präsentierte aktuelle Klimaprognosen für Bayern und deren gesundheitliche Folgen.
Klimasensible Gesundheitsberatung – ein bundesweit einzigartiges Modell
Im Rahmen der Veranstaltung stellten die Bündnispartner zahlreiche Projekte zur Stärkung des Hitzeschutzes vor. Julian Schulte, Teamleiter Fortbildung/Seminare der BLÄK, und Anna-Maria Schoberer, Fachreferentin Kooperative Versorgungsmodelle der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB), präsentierten das gemeinsame Pilotprojekt „Klimasensible Gesundheitsberatung“. Das am 1. Oktober 2025 gestartete Modellvorhaben gelte bundesweit als erstes Angebot, das eine patientenbezogene, für alle gesetzlich Versicherten abrechenbare Beratung zum Klimawandel in die kollektive Patientenversorgung integriere. Finanziert werde das Projekt von sämtlichen gesetzlichen Krankenkassen in Bayern.
Kernstück sei die flexibel absolvierbare E Learning Fortbildung „Klimasensible Gesundheitsberatung: Inhalte und Anwendungsbeispiele für die Patientenversorgung“. Sie führe in das Konzept der planetaren Gesundheit ein, beleuchte die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels – insbesondere die Zunahme hitzeassoziierter Erkrankungen – und unterstütze bei der Identifikation vulnerabler Patientengruppen. Darüber hinaus vermittle sie praxisnahe Strategien für eine wirksame Kommunikation in der Beratung.
Die Resonanz sei bemerkenswert: Rund 700 Ärztinnen und Ärzte – etwa drei Viertel aus dem hausärztlichen Bereich – hätten bereits teilgenommen. Aufgrund dieses Erfolgs sei das Projekt bis Ende des ersten Quartals 2027 verlängert, das Fördervolumen erhöht und der Teilnehmendenkreis um die Berufsgruppe der psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten erweitert worden.
Hitzeschutz im Münchner Bezirk Moosach
Bernadette Hülsmann vom Gesundheitsreferat der Landeshauptstadt München präsentierte den aktuellen Hitzeschutz Maßnahmenplan für den Stadtbezirk Moosach. Das übergreifende Ziel: Die Gesundheitskompetenz der Moosacher Bevölkerung im Umgang mit Hitze und den Folgen des Klimawandels nachhaltig zu stärken. Ein zentrales Element sei das Multiplikatorenkonzept „Hitzehelfer*in“ – eine strukturierte Schulung für Personen aus dem direkten Umfeld vulnerabler Gruppen, etwa Pflegekräfte, Lehrkräfte oder Nachbarschaftshelfer. Sie würden gezielt im Hitzeschutz qualifiziert, um ihr Wissen unmittelbar weiterzugeben und so eine breite Wirkung im Stadtteil zu erzielen.
Das Programm biete zudem Informationen zu Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten sowie praxisorientierte Leitfäden zur Maßnahmenplanung, einschließlich der Erstellung individueller Hitzeaktionspläne für Einrichtungen. Ergänzend richte sich das Konzept mit vielfältigen Wissensangeboten direkt an die Bürger: Etwa mit Vorträgen für Familien sowie Seniorinnen und Senioren, Hinweisen auf kühle Orte im Stadtbezirk sowie Aktionsnachmittagen und Workshops.
Weitere Projekte der Bündnispartner
Darüber hinaus wurden weitere Initiativen vorgestellt, die den Hitzeschutz in Bayern stärken sollen. Dazu zählten Schulungsangebote der AOK Bayern und des Verbands der Ersatzkassen e. V. für Eltern und Pflegeberatende, Dachbegrünungs-, Wassermanagement- und Flächenentsiegelungsmaßnahmen an der München Klinik Bogenhausen, sowie aktuelle Forschungsprojekte des Instituts für Umweltmedizin und Integrative Gesundheit am Universitätsklinikum Augsburg. Zudem stellten der Medizinische Dienst Bayern, die Bayerische Landesapothekerkammer und die Psychotherapeutenkammer Bayern ihre Hitzeschutzaktionen vor. Die Präsentationsfolien sind über den folgenden Link auf der Website des Bündnis Hitzeschutz Bayern abrufbar. https://www.blaek.de/aerztinnen-und-aerzte/beratung-service/praevention/klimawandel-und-gesundheit/informationen-zum-thema-hitzeschutz/
Bündnis Hitzeschutz Bayern
Das Bündnis Hitzeschutz Bayern besteht aus über 20 Akteurinnen und Akteuren des Gesundheitssektors im Freistaat, darunter die BLÄK, die KVB, die Bayerische Krankenhausgesellschaft, das Gesundheitsreferat der Landeshauptstadt München und mehrere Krankenkassen. Die vollständige Liste der Mitglieder kann (QR-Code siehe oben) auf der Website der BLÄK eingesehen werden.
Florian Wagle (BLÄK)
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