Glühendes Land

Dr. Gerald Quitterer

Das moderate Blau der Umschlagsseite dieses Bayerischen Ärzte­blatts ist einem glühenden Rot gewichen.  Dieses Rot und die Artikel in diesem Ärzteblatt sollen verdeutlichen: Wir brauchen dringend wirksame Maßnahmen, um die Bevölkerung – das sind auch wir – gegen eine unaufhaltsame Gefahr zu schützen: Hitze. 

Die Hitzeperiode Ende Juni mit immer neuen Temperaturrekorden und einem Hitzedom über ganz Europa hat uns gezeigt: Die Gesundheit der Menschen ist massiv bedroht. Wir erleben die Folgen unmittelbar – in unseren Praxen, auf den Stationen der Krankenhäuser, in den Pflegeheimen, in der ambulanten Pflege und in den Notaufnahmen. Deshalb ist ein funktionierender Hitzeschutz längst keine Frage des persönlichen Wohlbefindens mehr, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Auch in Kliniken, Bereitschaftspraxen, Pflegeeinrichtungen, Kindergärten und Schulen sind Maßnahmen wie Beschattung, Klimatisierung, durchdachte Lüftungskonzepte und ausreichende Flüssigkeitsangebote notwendig – nicht zuletzt zum Schutz des dort tätigen Personals.

Aktuelle Schlagworte aus den Medien zeichnen ein klares Bild der Lage:
•    Rettungsdienst an der „Kapazitätsgrenze“ – zu viele Einsätze
•    Hitzewelle belastet Klinik – bis zu 25 Patienten täglich
•    Hitze-Einsätze in Seniorenheimen – mehr Schutz gefordert
•    Hausärzte werfen Bundesregierung Versagen beim Hitzeschutz vor
•    Kommunen: Es fehlt an Geld für Hitzeschutz
•    Abschaltung eines Atomkraftwerks durch Überhitzung der Aare 
•    Über 200 Hitzetote innerhalb von vier Tagen in Spanien

Hitzeschutz betrifft uns alle. Bei Temperaturen über 40 Grad werden wir alle zu vulnerablen Personen. Zahlreiche Veranstaltungen im Land wurden wegen der anhaltenden Hitze abgesagt. Es werden also immer mehr, die den Ernst der Lage erkennen, während andere noch denken, allein die Bereitstellung des BRK könne akute Gesundheitsstörungen verhindern. Wir müssen also noch mehr aufklären und die Menschen an die Hand nehmen, wir müssen das Verständnis für die Auswirkungen von Hitze auf die Gesundheit stärken.           

So ist Hitzeschutz in Schulen keine freiwillige Angelegenheit, hier sind analog die Verordnungen des Arbeitsschutzes durch die Inbezugnahme auf die DGUV-Vorschrift 1 zu beachten, die nicht nur für die Lehrkräfte, sondern auch für Schülerinnen und Schülerw zur Anwendung kommen müssen. Gerade dort, wo Wissen vermittelt wird gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren. Hitze senkt die geistige Leistungsfähigkeit nachweislich und fördert Erschöpfung – kurzum, sie macht krank. Deshalb muss es ein gemeinsames Anliegen der gesamten Schulfamilie sein, Schule zu einem hitzeresilienten Ort zu machen. Zusätzlich sind verbindliche ministerielle Vorgaben erforderlich – und selbstverständlich die Bereitstellung der notwendigen finanzieller Mittel durch den Staat.

Letzteres gilt auch für Einrichtungen der Gesundheitsversorgung und der Altenpflege. Es kann nicht sein, dass beim Anbau einer geriatrischen Station eines Klinikums die Kältedecke zur Raumkühlung nicht genehmigt wird, weil Förderrichtlinien dies nicht hergeben. Gleiches gilt für den Einbau von Klimaanlagen in Arztpraxen oder Pflegeheimen. Gerade dort, wo sich Menschen nicht selbstständig aus einer überhitzten Umgebung herausbegeben können, wo sie beispielsweise an das Bett gebunden sind, besteht besonderer Fürsorgebedarf.

Ganz nebenbei wäre eine überfällige verpflichtende Vorgabe, Bundesjugendspiele bei hohen Temperaturen nicht durchzuführen, eine äußerst wirksame Maßnahme ohne finanzielle Auswirkungen für die Schulen – im Übrigen eine wiederholte Forderung von Ärztetagen. Dies umso mehr, als Kinder und Jugendliche ein achtfach höheres Risiko für akute Hitzeschäden aufweisen als Erwachsene. Und 30 Grad im Schatten lassen sich nun einmal nicht durch zusätzlichen Schatten weiter abkühlen.

Zur Belastung des Gesundheitswesens kann gesagt werden, dass es durch die hitzebedingt vermehrte Krankheitslast vielerorts an Grenzen stößt. Die aktuelle Krisensituation – und ein Hitzedom über ganz Europa ist zweifellos eine Krise – kann unter diesen Bedingungen kaum noch adäquat bewältigt werden. 

Um die Versorgung weiterhin sicherzustellen, braucht es Investitionen und echte Strukturreformen statt Spargesetzen zulasten jener, die tagtäglich an vorderster Front medizinisch tätig sind. Uns Ärztinnen und Ärzte kommt dabei durch Aufklärung und ­Beratung eine präventive Aufgabe zu. Das allein genügt jedoch nicht. Denn je näher die Außentemperaturen an die Körpertemperatur heranreichen, umso weniger kann individuelles Verhalten zu einer Reduktion der gesundheitlichen Belastung beitragen.

Deshalb müssen die Verhältnisse, denen wir ausgesetzt sind, angepasst und verändert werden. Hier sehe ich den Staat in der Pflicht: Durch verbindliche Vorgaben zum Hitzeschutz in medizinischen und kommunalen Einrichtungen ebenso wie durch eine vorausschauende Städteplanung – mit weniger Flächenversiegelung und innerstädtischem Verkehrsaufkommen, mit Trinkbrunnen, kühlen Orten durch Luftschneisen und Baumpflanzungen und ­vielem mehr.

All das findet sich bereits als Formulierung im Bayerischen Masterplan Prävention wieder: „Gemeinsam mit allen Beteiligten gilt es, die Dörfer, Märkte und Städte, insbesondere die öffentlichen Räume und Einrichtungen, wie Schulen, Kindertageseinrichtungen, Sportplätze, Krankenhäuser, Pflegeheime, Einrichtungen der Eingliederungshilfe, Bahnhöfe und Haltestellen, Schwimmbäder und Badestellen so zu gestalten, dass sich dort jedermann sicher vor Hitze und UV-Strahlung aufhalten kann“. Es wäre zu kurz gesprungen, hier allein den Kommunen und Ländern die Kosten aufzuerlegen. Wir sprechen von Prävention und diese ist mit eine Aufgabe des Bundes.

Ich fordere eine gemeinsame Anstrengung und ein aufeinander abgestimmtes Handeln aller Verantwortlichen, die die Resilienz und den Schutz der Bevölkerung bei Hitze verbessern können: die Themen sind mit Wassermangel, Aufheizung von Flüssen durch Kühlwasser, Tempolimits und viele mehr, gesetzt und zahlen letztlich auf nicht weniger ein als auf die Gesundheit der Bevölkerung – mehr noch, es geht um Planetary Health. Handeln wir jetzt.


Gemeinsam stark für Hitzeschutz: Die Mitglieder des Bündnis Hitzeschutz Bayern im Veranstaltungssaal der Bayerischen Landesärztekammer.


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