HPV-Impfaufklärung an bayerischen Schulen

HPV-Impfung

Infektionen mit Humanen Papillomviren (HPV) zählen weltweit zu den häufigsten sexuell übertragbaren Erkrankungen und können Krebserkrankungen im Genitoanalbereich und dem Oropharynx verursachen [1]. Trotz der STIKO-HPV-Impfempfehlung für 9 bis 14-Jährige, waren 2024 in Bayern nur 50 Prozent der 15-jährigen Mädchen und 30 Prozent der Jungen vollständig geimpft [2].

Das Projekt

Seit Dezember 2023 führt die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e. V. (ÄGGF), gefördert vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention (StmGP), ärztliche Informationsveranstaltungen zu HPV und der HPV-Impfung in den Klassenstufen 4 bis 13 in allen Schulformen durch. Hierzu werden im Rahmen 90-minütiger Einheiten zur ­sexuellen und reproduktiven Gesundheit in der Regel geschlechtsgetrennt subjektiv wichtige Fragen und Sorgen aufgegriffen und mit objektiv gesundheitsförderlichen Informationen verknüpft. Auf diese Weise wurden 2024 in 325 Veranstaltungen 4.279 Kinder und Jugendliche in 48 Schulen erreicht. 

Zwischen Januar und Mai 2024 wurde in fünf teilnehmenden Schulen mittels anonymer Lernzielkontrollen der Wissensstand vor und nach der Veranstaltung erfasst, außerdem wurden Parameter zur Akzeptanz erhoben. Der Auswertung der Ergebnisse liegen 704-Vorher-Fragebögen (Gymnasium n = 555, Berufsschule n = 127, Förderschule n = 22) und 700-Nachher-Fragebögen (Gymnasium n = 551, Berufs- und Förderschule s. o.) zugrunde. 34 Prozent entfielen auf die Jahrgangsstufe 6, 24 Prozent auf Jahrgangsstufe 8 und 9, 42 Prozent auf Jahrgangsstufe 10 bis 11 und 18 Prozent auf Berufsschulen. Das Geschlechterverhältnis war nahezu ausgeglichen (50 Prozent weiblich, 46 Prozent männlich, 4 Prozent ohne Angabe).

Was wissen bayerische Kinder und Jugendliche bereits über HPV?

In vielen Klassen war der Wissensstand im Vorfeld gering, in den Vorher-Fragebögen gaben 67,3 Prozent an, noch nie Informationen zu HPV erhalten zu haben. Während an den Gymnasien die Anzahl derjenigen, die noch nie Informationen erhalten hatten, mit 62,7 Prozent am kleinsten war, war der Anteil mit 95,5 Prozent an der Förder- und 82,7 Prozent an den Berufsschulen deutlich höher. Wenn bereits in der Vergangenheit Wissen zu HPV vermittelt wurde, geschah dies bei 73,7 Prozent durch ärztliches Personal und bei 61,1 Prozent im Setting Schule gefolgt von der Familie mit 43,9 Prozent, alle anderen potenziellen Informationsquellen (zum Beispiel Internet, Soziale Medien, Peer Group) wurden von weniger als einem Viertel der Befragten genannt (Mehrfachnennungen waren möglich). Der eigene Impfstatus war mehrheitlich unbekannt, wurde allerdings die veraltete Bezeichnung Gebärmutterhalskrebsimpfung verwendet, waren die Rückmeldungen etwas höher. Passend zu den fehlenden Vorinformationen wurde bei den Aussagen zu HPV und der HPV-Impfung am häufigsten die Option „weiß ich nicht“ gewählt (siehe Abbildung 1). 


Abbildung 1: Ergebnisse der Lernzielkontrolle nach Jahrgangsstufe.

Welcher Wissenszuwachs kann in zwei Schulstunden erreicht werden?

In den Nachher-Befragungen zeigte sich in allen Schulformen ein signifikanter Wissenszuwachs, wobei deutlich wurde, dass besonders bei den Kindern der 6. Jahrgangsstufe, die mit elf bis zwölf Jahren dem empfohlenen Impfalter entsprechen, der Wissenszugewinn noch höher war als bei Älteren ab dem 8. Jahrgang, für die eine Nachholimpfung empfohlen wird (siehe Abbildung 1). Der Wissenszuwachs bei Beruf- und Förderschülerinnen und -schülern war passend zu der niedrigeren Ausgangslage höher als bei Gymnasiastinnen und Gymnasiasten (siehe Abbildung 2). Die Geschlechterverteilung war bei den Befragten nahezu ausgeglichen, hier zeigten sich keine signifikanten Unterschiede im Vorher-Nachher-Vergleich. 


Abbildung 2: Ergebnisse der Lernzielkontrolle nach Schulform.


Wie werden die Veranstaltungen von den Kindern und Jugendlichen angenommen? 
Die Akzeptanz von ÄGGF-Veranstaltungen im schulischen Setting ist generell sehr hoch. In diesem Projekt wurde im Rahmen der Lernzielkontrolle nach der Veranstaltung ebenfalls nach der Meinung zur Veranstaltung gefragt und gebeten, die Veranstaltung mittels Schulnoten zu bewerten. 89,7 Prozent vergaben in diesem Zusammenhang die Note sehr gut oder gut. Die Durchschnittsnote lag bei 1,6. Weiterhin bewerteten 93,4 Prozent es als gut, mit einer Ärztin/einem Arzt über das Thema zu sprechen, 86,4 Prozent stimmten zu, dass die Informationen für sie wichtig seien. 97,7 Prozent bestätigten, zu HPV viel Neues gelernt zu haben und 91,4 Prozent gaben an nun zu wissen, wie sie sich sicher davor schützen könnten.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus dem Projekt ziehen?

Schulen sind als niedrigschwelliger Ort der Gesundheitsbildung ein ideales Setting für Projekte zur HPV-Impfaufklärung [3]. Aufgrund der Schulpflicht bieten sie einen breiten Zugang zur Zielgruppe unabhängig vom sozioökonomischen und kulturellen Hintergrund. Schulische Gesundheitsbildung bietet somit einen relevanten Beitrag zur gesundheitlichen Chancengleichheit.
 
Das vorliegende Projekt verdeutlicht den weiterhin bestehenden Handlungsbedarf aber auch das Potenzial schulischer Informationsangebote. Besonders die Unterschiede im Wissensstand vor den Veranstaltungen zeigen eindrücklich auf, dass Kinder und Jugendliche bestimmter Schulformen eher im Gesundheitssystem mit Informationen zu HPV und der Impfung erreicht werden als andere. Solche Ungleichheiten lassen sich besonders durch schulbasierte Angebote auffangen, was sich auch in der Frage widerspiegelt, woher Informationen – wenn vorhanden – bezogen wurden. Es gilt allerdings zu bedenken, dass durch die besonderen Rahmenbedingungen in den Förderschulen (zum Beispiel deutlich kleinere Stichprobe durch kleine Klassen, je nach Förderstatus eventuell Schwierigkeiten mit dem Ausfüllen von Fragebögen) die Ergebnisse dieser Erhebung weniger aussagekräftig als in den anderen beiden Schulformen sind. Ergänzend ist kritisch anzumerken, dass offensichtlich noch häufig die veraltete und zu einseitige Bezeichnung Gebärmutterhalskrebs­impfung verwendet wird. Dies führt besonders bei Jungen oft zu Irritationen. Ihnen sowie ihren Eltern ist dadurch die Relevanz der Impfung für die männliche Gesundheit nicht bewusst und sie nehmen fälschlicherweise oft an, dass es sich um eine rein altruistische Impfung zum Schutz potenzieller zukünftiger Sexualpartnerinnen handele. Dem muss entschieden entgegengetreten werden, zum einen, weil unabhängig von Geschlecht und Sexualpraktiken ein Infektionsrisiko besteht – explizit auch bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften -, zum anderen, weil im Frühjahr 2025 das Robert-Koch-Institut die geschätzte Anzahl der HPV-bedingten Krebserkrankungen bei Männern pro Jahr deutlich nach oben korrigiert hat [4].

Häufigen Bedenken, dass das Thema im engen Lehrplan nicht mehr unterzubringen sei, kann entgegengestellt werden, dass in nur einer Doppelstunde ein signifikanter Wissenszuwachs erreicht wurde. Da aufgrund des semistandardisierten Ansatzes die Fragen der Kinder und Jugendlichen viel Raum einnehmen, und das Thema HPV in den größeren Zusammenhang der reproduktiven und sexuellen Gesundheit sowie Krebsprävention und Impfungen gestellt wird, liegt der rein auf die HPV-Thematik verwandte Zeitaufwand deutlich unter 90 Minuten. Neben externen Angeboten wäre eine feste Verankerung im Lehrplan – idealerweise in unterschiedlichen Jahrgängen – eine sinnvolle Maßnahme. Damit einhergehend sollte Lehrkräften mehr Hintergrundwissen vermittelt werden, denn andere Evaluationen zeigen deutlich, dass das Thema Impfungen und HPV in der Lehrkräfteausbildung kaum Erwähnung findet [5]. Dies wird aktuell im Rahmen eines Folgeprojekts umgesetzt.

Fazit

Angesichts der von der WHO und der Europäischen Kommission geforderten Zielsetzung, bis 2030 Impfquoten von über 90 Prozent bei den 15-jährigen Mädchen und eine deutliche Erhöhung der Impfquoten bei den Jungen zu erreichen [6, 7], wurde bereits 2021 in der Gesundheitsministerkonferenz einstimmig der Beschluss gefasst, Maßnahmen zu veranlassen, um die HPV-Impfquote deutlich zu erhöhen [8]. Angepasst an die lokalen Gegebenheiten werden vielfältige Ansätze und Zugangswege benötigt. Dabei spielen föderale Initiativen wie zum Beispiel die bayerischen Impfwochen 2022 und 2024 mit dem Schwerpunkt HPV-Impfung, welche gemeinsam vom StMGP sowie der Bayerischen Landesarbeitsgemeinschaft Impfen (LAGI) veranstaltet wurden, ebenso eine wichtige Rolle, wie die Empfehlung zur Impfung durch medizinisches Personal bei jedem Kontakt mit der Altersgruppe. 

Das Setting Schule, welches ebenfalls in die föderale Zuständigkeit fällt, sollte in diesem Zusammenhang, aufgrund seiner hohen Wirksamkeit auch mit dem Fokus auf sonst schwer zu erreichende Gruppen, verstärkt flächendeckend einbezogen werden. Dies sollte einerseits in einer breiten Verankerung im schulischen Curriculum und andererseits – wie im vorliegenden Projekt – durch die Einbeziehung dafür qualifizierter Ärzte erfolgen, da diese eine hohe Glaubwürdigkeit und Akzeptanz bei Kindern und Jugendlichen sowie auch deren Eltern genießen. Zu guter Letzt unterstreichen die Daten die Notwendigkeit, auch Informationsveranstaltungen in höheren Klassenstufen und berufsbildenden Schulen anzubieten, weil auch hier die Wissensdefizite enorm hoch sind und noch große Impflücken existieren.

Das Literaturverzeichnis kann im Internet unter www.bayerisches-aerzteblatt.de (Aktuelles Heft) abgerufen werden.

Autorinnen

Dr. Anne Högemann
Dr. Heike Kramer
Dr. Karen Reinecke
Andrea Mais

Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e. V., Pickhuben 2, 20457 Hamburg



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