Handschuhe richtig einsetzen
Eine deutschlandweite Kampagne für höheren Infektionsschutz, gesündere Haut und eine bessere Klimabilanz
Unsterile Handschuhe werden oft ohne Indikation getragen – zulasten von Infektionsschutz, Hautgesundheit und Klima.
Wie oft erleben wir das im Arbeitsalltag: Beim Blutdruckmessen, beim Umlagern, beim Verteilen der Essenstabletts - fast automatisch greift die Hand zur Handschuhbox. Nicht sterile
Handschuhe gehören für viele Mitarbeitende im Gesundheitswesen so selbstverständlich zur Patientenversorgung, dass das Anziehen keine bewusste Entscheidung mehr ist, sondern ein Reflex.
Dass dieser Reflex häufig nicht den aktuellen Empfehlungen [1] entspricht, ist gut belegt. Zum Beispiel waren in einer britischen Beobachtungsstudie an zwei Krankenhäusern Handschuhe bei 59 Prozent der Prozeduren, bei denen sie getragen wurden, nicht indiziert [2]. Auch in Deutschland hat sich der Trend zum unüberlegten Automatismus in den vergangenen Jahren erheblich verstärkt.
Wenn Handschuhe die Händedesinfektion verdrängen
Der nicht indizierte Gebrauch ist dabei nicht nur wegen des unnötig produzierten Plastiks ein Problem; er steht auch der Infektionsprävention aktiv im Weg. Die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) [1] beschreibt den Mechanismus in ihrem Kommentar von 2024 deutlich: Wer Handschuhe trägt, dem erscheint die Händedesinfektion davor und danach häufig nicht mehr nötig. Doch dieses Gefühl von Sicherheit ist trügerisch. So können insbesondere während des Ablegens Erreger von den Handschuhen auf die Hände gelangen. Eine Übersichtsarbeit von Bellini et al. trägt Untersuchungen zusammen, nach denen die Hände nach dem Ausziehen der Handschuhe in fünf bis 29 Prozent der Fälle kontaminiert waren [3]. Zudem können unsterile Handschuhe herstellerbedingt Mikroperforationen aufweisen, durch die Erreger auf die Hände gelangen können. Um der Verbreitung dieser Erreger entgegenzuwirken, ist die Händedesinfektion nach dem Ablegen von Handschuhen also unverzichtbar – und doch unterbleibt sie oft: In einer britischen Studie in 41 Prozent der beobachteten Patientinnen-/Patientenkontakte [2].
! Handschuhe ersetzen niemals die Händedesinfektion.
Die richtigen Indikationen für den Handschuhgebrauch
Zum Verständnis der korrekten Indikationen des Handschuhtragens veröffentlichte die KRINKO Beispiele und stellt dabei indizierten sowie nicht indizierten Gebrauch gegenüber [1]: Handschuhe sind ein unverzichtbarer Bestandteil der persönlichen Schutzausrüstung, sie sind klar indiziert unter anderem bei Kontakt mit Blut, Schleimhäuten oder nicht intakter Haut, bei der Blutentnahme, beim Umgang mit Ausscheidungen und Erbrochenem sowie bei der Aufbereitung kontaminierter Instrumente. Daneben können sich Indikationen aus dem Arbeitsschutz ergeben, etwa beim Umgang mit Gefahrstoffen und bestimmten Arzneimitteln; welcher Handschuhtyp dort erforderlich ist, richtet sich nach der Gefährdungsbeurteilung. Nicht indiziert sind sie dagegen zum Beispiel bei intradermalen, subkutanen und intramuskulären Injektionen einschließlich des Impfens, bei Untersuchungen ohne Kontakt mit Schleimhaut oder Blut wie Blutdruck-, Temperatur- und Pulsmessung, beim Auskultieren und Otoskopieren, bei Positionierung, Begleitung und Transport sowie beim Bettenrichten und bei der Essensausgabe.
! Handschuhe nur bei Indikation tragen und immer erst unmittelbar vor der geplanten Tätigkeit anziehen. Nach Beendigung der Tätigkeit sofort wieder ausziehen.
Korrekte Indikationsstellung als ökologischer Hebel
Das Gesundheitswesen ist in Deutschland für 5,2 Prozent der klimaschädlichen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich; weltweit trägt der Sektor 4,4 Prozent bei und läge als eigener Staat auf Rang fünf der größten Emittenten [1]. Der hohe Verbrauch unsteriler Handschuhe hat daran einen erheblichen Anteil: Pro Handschuh sind es rund 26 Gramm CO2-Äquivalente; ein Paar verursacht damit so viele Emissionen wie 58 hygienische Händedesinfektionen [4]. In der Summe ist das beachtlich: Ergebnisse aus der Charité Berlin zeigen, dass Handschuhe mit einem Prozent der Gesamtemissionen des Krankenhauses zu den größten Einzelverursachern zählen [5]. Diese C02-Emissionen entstehen weitgehend, bevor der Handschuh angezogen wird: Nahezu alle Produkte werden in Südostasien gefertigt, tragfähige regionale Alternativen gibt es kaum. Damit hängt die Versorgung an langen, störanfälligen Lieferketten: Nitrilkautschuk ist ein petrochemischer Werkstoff, dessen Vorprodukte und Transportkosten unmittelbar auf Ölpreis und geopolitische Lage reagieren. Ein bewusster Handschuheinsatz stärkt deshalb auch die Versorgungssicherheit und senkt die Kosten.
! Ein bewusster und somit geringerer Handschuhgebrauch ist auch ein Beitrag zum Klimaschutz und senkt die Kosten.
Vorteile für Ihre Gesundheit
Zu den deutlichen Vorteilen für Infektionsschutz und Umwelt kommen Vorteile für die Hautgesundheit: Zwischen Handschuh und Haut kann sich eine sogenannte feuchte Kammer bilden, welche die Haut aufweicht und zu Irritationen und Entzündungen führen kann. Wer Handschuhe nur bei Indikation und somit seltener und kürzer trägt, schont also auch die eigene Haut.
Hinzu kommt die Nähe zu den Patienten: Für sie macht es einen großen Unterschied, ob sie ein Plastikhandschuh berührt oder sie eine menschliche Hand spüren. Dieser unmittelbare Kontakt verstärkt die empathische Wahrnehmung der Versorgung, schafft Vertrauen und kann sich positiv auf den Heilungsprozess auswirken.

Abbildung 1: Poster der Kampagne "Mit oder Ohne - Handschuhe bewusst einsetzen". Es zeigt Beipiele für Tätigkeiten mit und ohne Handschuindikation und informiert über Vorteile eines indikationsgerechten Gebrauches.
Unsere Kampagne – Kostenlos und frei verwendbar
Viele Gründe also, um etwas zu ändern. Dass es funktioniert, zeigen andere Kliniken längst: Eine australische Schulungskampagne senkte den Anteil unnötig getragener Handschuhe von 60 auf 23 Prozent und steigerte die Händehygiene-Compliance von 59 auf 83 Prozent [6]. Wie viel ein Umdenken und ein Bruch mit traditionellen Sichtweisen bewirken können, zeigt auch ein Schweizer Universitätsspital: Dort stieg die Händehygiene-Compliance von 52 auf 85 Prozent, nachdem die Pflicht abgeschafft worden war, bei Patienten in Kontaktisolierung grundsätzlich Handschuhe zu tragen [7].
Diese Erkenntnisse haben das Kompetenzzentrum für klimaresiliente Medizin und Gesundheitseinrichtungen (KliMeG) dazu bewogen, im Juni 2025 die Kampagne „Mit oder Ohne? – Handschuhe bewusst einsetzen“ zu starten – fachlich begleitet vom Institut für Infektionsprävention und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Freiburg. An der Kampagne nehmen inzwischen über 200 Gesundheitseinrichtungen teil – Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Rehakliniken und Praxen.
Die Materialien sind kostenlos, frei verwendbar und lassen sich mit dem eigenen Logo versehen: Ein Poster, Präsentationsfolien, Vorlagen für die interne Kommunikation, eine Studiensammlung sowie Formate für Aktionstage. Hinzu kommt ein InfoSheet, das indizierte und nicht indizierte Situationen gegenüberstellt und laminiert einen festen Platz auf den Stationen, in Ambulanzen und Praxen finden kann. Zwei Praxisleitfäden begleiten den Weg – der erste bis zum Start der Kampagne, der zweite für die Zeit danach, wenn die Aufmerksamkeit ggf. nachlässt.
Für alle teilnehmenden Häuser finden online regelmäßige Austauschtreffen der Koordinatorinnen und Koordinatoren statt. So lässt sich voneinander lernen, was gut läuft und wo in Kommunikation und Durchführung Probleme lauern können.

Abbildung 2: Das InfoSheet stellt Tätigkeiten mit Handschuhindikation solchen ohne Indikation gegenüber und kann beospielsweise über den Handschuhboxen aufgehängt werden.
Austausch für Sie zur Unterstützung
Im vergangenen Jahr unserer Kampagne haben wir vor Ort und bei den Austauschtreffen vor allem eines gelernt: Wissensvermittlung ist wichtig – aber sie allein reicht nicht. Ob jemand Handschuhe anzieht oder nicht, hängt nicht allein davon ab, ob die richtige Indikation bekannt ist, sondern auch von individuellen Gefühlen wie Ekel und Furcht [2], von der bisherigen Ausbildung und der Prägung. Viele Mitarbeitende verstehen die Handschuhnutzung als persönliche Entscheidung, in die andere sich nicht einzumischen haben. Dazu kommen Gruppendynamik und Gewohnheit – das „Das haben wir immer schon so gemacht“, das sich durch Fortbildung allein nicht auflöst [1]. An diese Erkenntnisse passen wir unsere Kampagne laufend an.
Teil unserer Schulungen ist auch die Vermittlung, dass Vorbilder besonders helfen – jede und jeder Einzelne von uns ist eines. Wer ‚gegen den Strom‘ arbeitet und bei fehlender Indikation auf Handschuhe verzichtet und stattdessen die Hände desinfiziert, überzeugt mehr als jedes Infomaterial.
Bis sich das Verhalten tiefgreifend ändert – auf allen Stationen und in allen Bereichen des deutschen Gesundheitswesens – wird noch einige Zeit vergehen. Aber es lohnt sich, dranzubleiben: Mit jedem eingesparten Handschuh erhöht sich der Infektionsschutz, erholt sich die Haut der Beschäftigten, wird der Kontakt zu den Patienten unmittelbarer – und das Klima wird geschont. Und damit auch die Gesundheit derer, die wir behandeln. Denn Klimaschutz ist auch Gesundheitsschutz.
Das Literaturverzeichnis kann im Internet unter www.bayerisches-aerzteblatt.de (Aktuelles Heft) abgerufen werden.
Informationen zur Kampagne
Träger: Kompetenzzentrum für klimaresiliente Medizin und Gesundheitseinrichtungen (KliMeG)
Fachliche Kooperation: Institut für Infektionsprävention und Krankenhaushygiene,
Universitätsklinikum Freiburg.
Förderung: Röchling-Stiftung
Start: Juni 2025
Teilnahme und Materialien kostenfrei unter: www.klimeg.de/mit-oder-ohne
Autor und Autorin
Maurizio Bär
Arzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter
Deutsche Allianz Klimawandel
und Gesundheit, E-Mail:
Maurizio.baer@klimawandel-gesundheit.de
Dr. Sybille Barkhausen
Oberärztin
Universitätsklinikum Freiburg,
Institut für Infektionsprävention
und Krankenhaushygiene (IIK), E-Mail:
sybille.barkhausen@uniklinik-freiburg.de
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